REICH AN UNSICHTBARER ARMUT

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12 000 Heidelberger leben mit sehr wenig Geld –Zwei von ihnen erzählten der RNZ aus ihrem Alltag –„Wir brauchen mehr Gerechtigkeit.

Heidelberg ist eine wohlhabende Stadt aber rund 12 000 Einwohner sind arm oder armutsgefährdet. Sie haben so wenig Geld, dass sie bei jeder Brezel für 70 Cent überlegen müssen, ob sie sich das wirklich leisten können. Michelle Grathwohl und Magnus Lück sind zwei dieser 12 000 Heidelberger. Sie gehen arbeiten und müssen doch am Ende jedes Monats ganz genau rechnen.

„Der Monat ist immer länger als der Geldbeutel tief ist“, sagt Lück. Dem 61-Jährigen sieht man sein Alter nicht an. Das ist erstaunlich denn sein Körper ist nach Jahrzehnten schwerer Arbeit völlig kaputt. Lück gilt als schwerbehindert. „Grad der Behinderung: 70 Prozent“, sagt er.

Als junger Mann ist Lück Lagerarbeiter, hantiert mit 115-Kilo-Fässern, danach geht er auf den Bau. Schon damals hat er drei Leistenbrüche. Als Industriekaufmann ergattert er einen Bürojob doch dann wechselt er zum Bühnenaufbau. „Die Knochenjobs ziehen sich durch mein Leben.“ 2005 die Katastrophe: Seine Beziehung zerbricht, Lück wird obdachlos. „Ich schlief im Wald, ernährte mich von Brombeeren.“ Doch er rappelt sich wieder auf, arbeitet in der Schreinerei des Wichernheims. „Dann kam’s richtig böse: fünf Bandscheiben-OPs in einem Jahr.

Nach der Reha beantragt er eine Erwerbsunfähigkeitsrente, aber das Sozialgericht meint, er könnte sechs Stunden am Tag arbeiten. Der Lebensmut verlässt ihn, Lück schluckt einen Medikamentencocktail. Aber er überlebt und kämpft weiter. Doch er findet keinen Job. „Ich war über 50, körperlich kaputt unvermittelbar.“ Vor drei Jahren dann das Wunder: Er findet auf eigene Faust eine Wohnung, kann aus der Notunterkunft raus. Sechs Jahre lang (!) stand er auf einer Dringlichkeitsliste der Wohnungsgesellschaft GGH ein Angebot bekam er nie.

Wenig später bringt ihn das Projekt Einstieg des Vereins zur beruflichen Integration und Qualifizierung (VBI) ins Offene Atelier in der St. Albert Kirche in Bergheim. Er betreut die Künstler, führt Besucher herum fünf Tage die Woche, sechs Stunden täglich. Zieht er seine Miete ab, hat er nicht mehr als ein Hartz-IV-Empfänger. Aber: „Ich habe einen geilen Job, ich werde gebraucht, ich behalte meine Würde.“ Noch zwei Jahre läuft sein Vertrag im Atelier, der auch mithilfe des neuen Teilhabechancengesetzes finanziert wird. Dann ist Lück 63 und will endlich in den Ruhestand. „Obwohl ich so lange gezahlt habe in die Rentenkasse, lande ich in der Grundsicherung.“ Er hat Angst, dass man ihm dann seine kleine Zwei-Zimmer-Mietwohnung in Bergheim nimmt. „Das könnte ich schwer verkraften.

Während Lück sein Leben erzählt, nickt Michelle Grathwohl, die ebenfalls schwerbehindert ist ein angeborener Gehirnschaden. Auch sie kennt den täglichen Lebenskampf. Die 35-Jährige ist alleinerziehend, lebt mit ihrem achtjährigen Sohn und ihrer sechsjährigen Tochter in Kirchheim. Sie war viele Jahre Hauswirtschaftshelferin in einem Seniorenheim. Dort wurde sie gemobbt, man zwang ihr Arbeitszeiten auf, die nicht mit den Kindern vereinbar waren bis sie kündigte.

Heute hat die Heidelbergerin eine Stelle beim VBI, 20 Stunden pro Woche. Sie ist Aufstockerin, das Jobcenter zahlt ihre Miete. Zum Leben bleiben ihr und ihren Kindern gut 600 Euro im Monat. „Ich kaufe Klamotten auf dem Flohmarkt, gehe für Lebensmittel auch mal zur Tafel.“ Sie versucht alles, den Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu bieten. „Dass wir ab und zu etwas unternehmen können, spare ich mir vom Munde ab.“ Neulich waren sie sogar im Holiday-Park für eines der Kinder bezahlte eine Freundin den Eintritt.

Lück kennt das: Der Musikfan dreht jeden Cent drei Mal um, damit er einmal im Monat ein Livekonzert in der Musikkneipe „Karl“ besuchen kann. „Ich trage seit einem Jahr die gleiche Jeans.“ Er solle doch in die Kleiderkammer gehen, hört er oft. „Aber ich habe doch einen Stolz: Ich habe eine Arbeit und will mir meine Klamotten selbst kaufen können.“ Auch Grath-wohl ärgert sich überdie Ratschläge und Vorurteile anderer. „Arme Menschen sind nicht faul. Ich habe das Jobcenter förmlich angefleht: ,Gebt mir Arbeit!‘“, sagt sie.

Ihre Kinder seien manchmal weniger Kind, als sie es sich wünschen würde. „Vor Jahren wollte ich meinem Sohn nach einer Mandel-OP etwas gönnen und ein Eis essen gehen. Er sagte nur: ,Mama, das ist nicht nötig, wir haben doch Eis zuhause.’“ Grathwohls größter Wunsch: einmal eine ganze Woche gemeinsam in Urlaub fahren.

„Ich sehe keine Solidarität mehr in der Gesellschaft“, sagt Magnus Lück, „die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.“ Er wünscht sich eine soziale Politik. Grathwohl stimmt zu: „Wir brauchen mehr Gerechtigkeit.

Georg Cremer lehrt als außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von 2000 bis 2017 war Cremer Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes.

Die Armutsgefährdungsgrenze für einen Alleinstehenden liegt bei circa 1000 Euro, bei einem Paar mit zwei Kindern bei circa. 2500 Euro. Leben Studierende, die weniger als 1000 Euro haben, in Armut? Was heißt genau Armutsgefährdung? Wo hört die Gefährdung auf und wo fängt die Armut an?
Wir sollten eher die Risikogruppen stärker in den Blick nehmen. Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation, Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und jene Menschen im Alter, die trotz langer Erwerbstätigkeit nicht mehr haben, als wenn sie nie gearbeitet hätten.

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